Warum die Trennung von Arbeit und Leben oft mehr Stress als Entlastung erzeugt
Mit dem Begriff Work-Life-Balance sind wir groß geworden. Er begegnet uns stetig wieder. In Stellenanzeigen, Zeitschriften, Leitbildern und Mitarbeitergesprächen. Und doch spüren viele Menschen, und vielleicht auch Du, immer wieder im Arbeitsalltag: Irgendetwas greift zu kurz und fühlt sich nicht stimmig an.
Die Frage ist weniger, ob du eine gute Balance hast, sondern ob dieses Konzept Deiner heutigen Lebensrealität überhaupt noch gerecht wird?!
Woher stammt das Konzept der Work-Life-Balance?
Die Grundidee der Work-Life-Balance reicht in das 20. Jahrhundert, die Zeit der Industrialisierung, zurück. Arbeit und Privatleben wurden damals erstmals klar voneinander getrennt. Diese strikte Trennung war zu dieser Zeit notwendig, weil die Menschen:
- Extrem lange Arbeitszeiten verrichteten
- Körperlich belastende Tätigkeiten ausübten
- Kaum soziale Absicherung erlebten
Auf Grund dessen entstanden Arbeitszeitgesetze, Pausenregelungen und Urlaubsansprüche. Die strikte Trennung von Arbeit und Leben war ein Schutzmechanismus, um die Menschen vor Ausbeutung zu bewahren.
Studien in späteren Jahren belegten immer wieder, dass ausgeglichene Mitarbeitende gesünder, produktiver und loyaler sind.
Die moderne Interpretation und ihre Grenzen
Heute versuchen viele Unternehmen, diese Balance durch flexible Arbeitszeiten, Homeoffice und Angebote zur mentalen Gesundheit zu unterstützen.
Doch gleichzeitig bleibt das Grundprinzip bestehen: Arbeit und Leben gelten als zwei klar voneinander getrennte Bereiche. Vereinfacht dargestellt bedeutet das:
- Arbeit steht für Leistung, Funktion, Pflicht
- Leben steht für Erholung, Selbstverwirklichung, Sein
Das gesamte System basiert bis heute darauf, dass ein Unternehmen deine Arbeitskraft (einen Teil deiner Lebenszeit) erkauft.
Warum diese Trennung im Alltag oft nicht funktioniert
Betrachte Dir einmal deinereale Arbeitssituationen: Du hast den ganzen Tag gearbeitet. Du sitzt abends auf dem Sofa und hast Feierabend. Doch dein Kopf arbeitet unaufhaltsam weiter. Du reflektierst dein Gespräch mit deiner Führungskraft, du formulierst die E-Mail um, die du anders hättest schreiben sollen oder gehst gedanklich die Präsentation für morgen durch. Parallel beantwortest Du noch Chatnachrichten auf dem Firmentelefon, weil Du während der Arbeitszeit zu wenig Zeit dazu hattest.
Oder: Du bist in einem Meeting. Du bist fachlich super vorbereitet, aber innerlich dennoch angespannt. Du funktionierst reibungslos, aber spürst dich selbst kaum (noch).
In diesen Situationen zeigt sich: Arbeit lässt sich nicht einfach „abschalten“. Denn all deine erlebten Emotionen, Bewertungen und innere Reaktionen gehen mit nach Hause.
Deine Arbeit ist Teil Deines Lebens – nicht der Gegenpol
Deine Arbeit ist kein Fremdkörper außerhalb deines Lebens. Sie ist ein (teilweise essentieller) Teil davon.
Historisch, kulturell und ökonomisch wurde sie davon getrennt, aber innerlich funktioniert das bei vielen Menschen nicht. Denn eigene und Firmenwerte wirken immer, deine Emotionen lassen sich nicht auf die reine Arbeitszeiten begrenzen und innere Konflikte verschwinden nicht mit Zuklappen des Rechners oder Verlassen der Arbeitsstätte.
Was entsteht, wenn die Trennung zu eng wird
Wenn Du deine Arbeit nur noch als Funktion erlebst, zeigen sich vielleicht auch bei Dir:
- Innere Anspannung trotz „guter Bedingungen“
- Das Gefühl, sich selbst zu verlieren
- Reizbarkeit oder Rückzug
- Das Bedürfnis nach Kontrolle statt innerer Klarheit
Dieser innere Zustand entsteht nicht, weil du zu sensibel oder nicht zu engagiert bist, sondern weil ein Teil von dir im Alltag keinen Platz findet.
Ein anderer Blick: Integration statt Balance
Vielleicht darfst auch Du deine Sichtweise ändern. Weg von dem Dogma, zwischen beiden Balance zu finden, sondern eine Integration und innere Stimmigkeit zu erreichen.
Reflektiere einmal folgende Fragen:
- Wie erlebe ich mich selbst in meiner Arbeit?
- Welche Werte lebe ich dort – und welche nicht?
- Wo reagiere ich stärker, als mir guttut?
- Ist die strikte Trennung von Arbeit und Leben für mich noch stimmig?
- Erlebe ich meine Arbeit als Teil meines Lebens – oder als Gegenpol?
- Wo wünsche ich mir mehr innere Freiheit statt besserer Organisation?
Fazit
Das Konzept der Work-Life-Balance war historisch betrachtet (sehr) wichtig. Sicher gibt es heute auch noch Industriezweige, in denen es hilfreich ist. Doch für viele Menschen greift es heute zu kurz.
Der Fokus darf sich von strikter Trennung hin zu einem bewussten Umgang mit den eigenen Reaktionen, Werten und Bedürfnissen verschieben, um sich selbst nachhaltige Entlastung zu erschaffen.
Wenn du lernen möchtest, dich im beruflichen Alltag wieder klarer zu positionieren und deine innere Macht zurückzuholen, begleite ich dich gern.
