Vor einiger Zeit hatte ich ein Gespräch mit meiner Tochter. Dieses Gespräch beschäftigte mich nachhaltig. Nicht wegen des Inhalts an sich, sondern wegen seiner Übertragbarkeit auf den beruflichen Alltag.
Sie erzählte mir von einem unangenehmen Gefühl, das sie aus einem Gespräch mit einer Schulfreundin mitgenommen hatte. Dieses Gefühl hatte nichts mit ihr selbst zu tun. Es entstand, weil ihre Freundin ihr von einer emotional belastenden Situation erzählt hatte. Im Gespräch übernahm meine Tochter dieses Gefühl und trug es in sich.
Ein Phänomen, das vielen Erwachsenen im Berufsleben wahrscheinlich sehr vertraut ist.
Emotionen übernehmen – auch im Job
Vielleicht kommt Dir eine der nachfolgenden Situationen bekannt vor.
Nach einem Gespräch mit einer Kollegin bist du plötzlich selbst angespannt. Die Frustration eines Teammitglieds begleitet dich noch Stunden später. Du nimmst Sorgen, Druck oder Ärger aus Meetings mit in den Feierabend.
Diese Übernahme von Gefühlszuständen geschieht meist unbewusst – aus dem Wunsch heraus, einen Menschen, mit dem man sich verbunden fühlt, zu unterstützen und ihm Verständnis entgegenzubringen.
Genau in den Situationen, in denen Du diese Übernahme realisierst, lohnt sich eine klare Differenzierung zwischen Mitgefühl und Mitleid.
Eine Metapher, die den Unterschied deutlich macht
Stell Dir vor, du stehst an einem Brunnen. Unten im Brunnen sitzt ein Mensch fest.
Stell Dir vor, du stehst an einem Brunnen. Unten im Brunnen sitzt ein Mensch fest.
Im Fall des Mitleids würdest Du mit in den Brunnen springen. Dadurch seid ihr euch beide nahe. Ihr erlebt euch auf Augenhöhe. Ihr fühlt das Gleiche. Nun seid ihr aber beide im gleichen Umfeld, meist ohne neue Perspektive, gefangen. In dieser Situation wirst Du wahrscheinlich genau die emotionale Last übernehmen, die nicht zu Dir gehört. Du hast neben deinen eigenen herausfordernden Themen nun einen zusätzlichen Rucksack zu tragen.
Im Berufsalltag kann diese Situation schnell zu Überforderung, emotionaler Erschöpfung und innerem Rückzug führen.
Im Fall von Mitgefühl bleibst Du oben stehen und schaust, wie Du den Menschen im Brunnen unterstützen kannst. Dadurch trennst Du sein Erleben von Dir selbst ab. Du kannst bei Dir bleiben und überlässt der anderen Person die Verantwortung für ihr Thema. Durch Deine Anwesenheit signalisierst Du Präsenz, Verständnis und Unterstützung. Sofern gewünscht, kannst Du neue Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten einbringen. Allerdings bist Du dabei selbst „nur“ Raumhalter und Impulsgeber. Ob dein Gegenüber die von Dir angebotenen Hilfsmittel nutzt, bleibt ihm bzw. ihr selbst überlassen.
Warum diese Unterscheidung im Arbeitsalltag wichtig ist
Auf der Arbeit wird Mitgefühl oft mit emotionaler Übernahme verwechselt. Besonders Menschen mit hoher Verantwortungsbereitschaft oder hohem Verantwortungsbewusstsein sowie Menschen in Führungsrollen neigen dazu, Probleme anderer innerlich zu ihren eigenen zu machen. Sie können sich selten oder nur schwer abgrenzen.
Wie oft denkt ein Mensch in einer Führungsrolle auch noch weit nach Feierabend über einen Mitarbeitenden oder Kollegen nach?! Wie oft wird dann die Work-Life-Balance zu einem überholten Konzept?
Die Folgen, die sich daraus ergeben können, münden in emotionaler Daueranspannung, mangelnder Abgrenzung, innerer Erschöpfung trotz fachlicher Kompetenz und dem Gefühl, für alles verantwortlich zu sein.
Wichtig zu berücksichtigen ist: Mitgefühl bedeutet nicht, die Gefühle deines Gegenübers zu ignorieren, sondern vielmehr, diese wahrzunehmen, präsent zu bleiben und gegebenenfalls Hilfestellungen anzubieten – jedoch ohne die Last des anderen zu übernehmen.
Empathie ist weit aus mehr als reines Mitgefühlt
Der Begriff Empathie wird häufig mit „Mitgefühl haben“ gleichgesetzt. Er bedeutet, die Emotionen des anderen zu erkennen und ihnen Raum zu geben. Meiner Erfahrung nach greift diese Definition jedoch nicht weit genug.
Empathie ist für mich heute die Fähigkeit eines Menschen, sich in die Gedanken- und Gefühlswelt eines anderen hineinzuversetzen – aber ganz wichtig: ohne sich selbst darin zu verlieren.
Üben Menschen Empathie aus, zeigt sich das häufig in zwei unterschiedlichen Zugängen. Viele Frauen fühlen sich schneller in emotionale Zustände ein. Viele Männer hingegen finden oft schneller Zugang zur Gedanken- und Lösungsebene.
Beide Ansätze sind sehr wertvoll, und beide ergänzen sich.
Reflexionsimpulse für deinen Berufsalltag
Beobachte Dich über die nächsten Tage selbst und reflektiere die folgenden Fragen:
- Wann nimmst du Emotionen aus Gesprächen mit?
- Wann springst du innerlich in den Brunnen, um jemand anderen zu retten?
- Wo könntest du stattdessen präsent bleiben und ein anderes Hilfsmittel reichen?
Diese innere Bewusstwerdung, Klarheit und Entscheidung verändern nicht nur deine Kommunikation, sondern auch deine Selbstwirksamkeit und Freiheit im Zusammenspiel mit anderen Menschen.
Unterstützung bei Abgrenzung und Selbstwirksamkeit
Reflektierst Du, dass dich bestimmte Begegnungen immer wieder emotional binden oder erschöpfen, dann definiere das bitte nicht als ein Zeichen von Schwäche. Es ist ein Hinweis an Dich selbst.
Gerne unterstütze ich Dich im Rahmen eines Coachings dabei,
- deine emotionalen Reaktionsmuster zu verstehen,
- gesunde Grenzen zu entwickeln,
- Mitgefühl zu leben, ohne dich selbst zu verlieren.
Aber ganz wichtig: nicht durch Härte, sondern durch Deine innere Klarheit.
